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Kleine Kunstgeschichte

Einführung

»Ich kenne noch keine bessere Definition für das Wort Kunst als diese:  Kunst – das ist der Mensch.«
— Vincent Van Gogh

Die bedeutenden Maler der Geschichte waren in erster Linie Menschen aus Fleisch und Blut. Das, was sie aus der Masse hervorhob und aus ihnen große Künstler machte ist, dass sie sich um ein Vielfaches genauer mit Ihrer Umwelt auseinandersetzten und einen eigenen, komplett neuen Weg fanden und beschritten, das Erfahrene in ihren Gemälden zu reflektieren.

Allen gemein war auch, dass sie ihrer Zeit voraus waren und daher zu Lebzeiten nicht diese Anerkennung bekamen, die ihnen heute zuteil wird. Aber sie gingen ihren Weg trotzdem, gegen alle Widerstände, und das macht ihr Werk heute einmalig und wertvoll.

Aber nicht nur die Persönlichkeit des Künstlers führte dazu, dass das Werk letztendlich so bedeutsam wurde. Auch die äußeren Einflüsse auf ihn spielten eine ganz wichtige Rolle. Um das Werk verstehen und einschätzen zu können, sollte man sich daher auch unbedingt mit seiner Umwelt auseinandersetzen, die das Werk maßgeblich geprägt hat. Nun, welchen Einflüssen war denn das Werk ausgesetzt?

 

Einflussfaktor: Geschichte

Was meine ich mit »Geschichte«? Eigentlich alles, was politisch und gesellschaftlich um den Künstler herum passiert ist. Kriege und politische Ereignisse, gesellschaftliche Entwicklungen und die damit verbundenen Ängste oder Hoffnungen, bedeutende Erfindungen der Wissenschaft oder kulturelle Entdeckungen. Für den normalen Menschen sind es Nachrichten, die ihn zwar teilweise bewegen, er aber schnell vergisst oder verdrängt. Den Künstler lassen diese aber nicht so schnell los, er beschäftigt sich intensiv damit und reflektiert sie bewusst oder unbewusst in seinem Werk.

Greultaten von grausamen Herrschern wurden beispielsweise direkt von Malern aufgegriffen und bildnerisch scharf verurteilt, so wie das beispielsweise Francisco de Goya in seinem Gemälde »Die Erschießung der Aufständischen am 3.Mai 1808« oder Pablo Picasso 1937 in seinem Monstergemälde »Guernica« taten. Ein weiteres Beispiel:Technische Entwicklungen veranlassten die Künstler ebenfalls, in neue Richtungen zu denken. Als die Photographie erfunden worden war, brauchte man eben keine die Natur abbildende Malerei mehr. Warum auch? Der Futurismus (1909 - 1914) hatte z.B. den technischen Fortschritt selbst zum Bildinhalt und brachte dessen Dynamik auf die Leinwand.

In seinem Gemälde »Die Erschiessung der Aufständischen am 3.Mai 1808 in Madrid« aus dem Jahre 1814 klagt Francisco de Goya die unmenschliche Vorgehensweise der französischen Besatzer gegen die spanische Bevölkerung an.


Einflussfaktor: Akademie

Das kennt jeder aus der Schule: Wenn man es nicht haargenau so macht, wie es einem vorgeschrieben wird, dann ist man »schlecht« und muss herbe Kritik über sich ergehen lassen. Und genau das ist auch fast jedem große Maler widerfahren. Denn es gab zu allen Zeiten Akademien, die jungen, aufstrebenden Künstlern vorschrieben, wie sie ihre Bilder zu malen hatten. Und wenn sie es nicht genau so machten, dann mussten sie a) Den Beruf wechseln, oder b) verhungern oder c) sich von Familie oder Freunden durchfüttern lassen (so wie Vincent van Gogh von seinem Bruder Theo).

Man kann die Akademie vielleicht vergleichen mit der heutigen »Kunst«-Industrie, z.B. Plattenfirmen. Nur wer mit ihr »auf Linie« war, konnte überhaupt Bilder verkaufen, es sei denn, man fand einen privaten Fan und Gönner. Die ständige Verspottung und Missachtung durch die Akademie und deren negative Folgen für das Privatleben des Künstlers beeinflussten das Werk jedoch immer positiv (aus heutiger Sicht...).

Es ist nicht so, dass die Akademie im Laufe der Zeit nicht auch dazu gelernt hätten, nur ging das eben nicht von heute auf morgen. Als beispielsweise die Impressionisten ihren Stil perfektionierten, wollte die Akademie schöne, klassizistische Gemälde sehen, und keine Pünktchen. Als sich Jahrzehnte später die Expressionisten entfalteten, wollte die Akademie auf einmal nur impressionistische Pünktchen-Bilder sehen, und keine Farbergüsse nach außen gekehrter Innenwelten. Und was lernen wir daraus? Die Akademie war der aktuellen Entwicklung immer hinterher, oder, um es positiv zu formulieren, die großen Künstler Ihrer Zeit immer voraus.


Einflussfaktor: Lebenslauf

Jeder Künstler erlebt wie jeder andere Mensch in seinem Leben schöne und schwere Situationen. Und natürlich wirken sich diese Erfahrungen auch auf die Interessen, Fähigkeiten und Einstellungen und damit auf das Werk aus. Ist ja auch irgendwie ganz klar: Wenn ich frohen Mutes bin und im Leben alles rund läuft dann drücke ich mich anders aus, als wenn alles schief läuft, ich enttäuscht oder niedergeschlagen bin. Bei einigen Künstlern treten die verschiedenen Lebensphasen deutlich im Werk hervor.

Franz Marc (1880-1916) wandte sich beispielsweise im Laufe seines leider kurzen Lebens enttäuscht von den Menschen ab und malte nur noch Tiere, die für ihn als einzige rein und unschuldig waren. Der äußerst schaffensfreudige Pablo Picasso (1881 - 1973) hatte zum Beispiel eine »Blaue Periode« (1901-1904). Diese heißt deshalb so, weil seine Bilder in dieser Zeit von einer bläulich-grünlichen Farbgebung geprägt waren - er hielt in dieser Zeit die Außenseiter von Paris (Arme, Bettler) in Bildern fest. Als er dann ein paar Jahre später in das farbenfrohe Milieu der Artistenwelt übersiedelte, dominierten auf einmal rosa Töne seine Gemälde. Und diese Phase nennt man - richtig: »Rosa Periode« (1904-1906).


Der deutsche Maler Franz Marc wandte sich – enttäuscht von den Menschen – der Tierwelt zu. Zu sehen: »Die großen blauen Pferde«. Die Farbe Blau symbolisierte für Ihn das männliche, Gelb das weibliche Wesen.


Einflussfaktor: Künstler-Kollegen

Schließlich beeinflussen auch noch oder nicht mehr lebende Künstler das Werk. Selbst große Künstler waren manchmal so beeindruckt von Werken bereits verstorbener Künstler, dass sie sich ein Vorbild an ihnen nahmen oder bestimmte Gedanken dieser Künstler aufgriffen und weiterentwickelten. Es ist auch der Normalfall gewesen, dass große Künstler einer Epoche einander persönlich kannten und sich – manchmal mehr, manchmal weniger – schätzten. Damit beeinflussten sie ihr Werk gegenseitig.

Vincent Van Gogh (1853-1890) und Paul Gaugin (1848-1903) waren eng befreundet und führten regelmäßig heftige Diskussionen über Farben, Formen etc. (über was sich halt Maler so unterhalten). Ein Streit zwischen beiden führte auch dazu, dass sich Vincent ein Stück vom Ohr abschnitt. Nichts destotrotz übernahm Vincent Stileigenheiten von Gaugin in sein Werk und umgekehrt Gaugin Stilmerkmal der japanischen Holzschnitte, die ihm Vincent gezeigt hatte. Ein weiteres Beispiel für Einflüsse anderer Künstler: Paul Cezanne (1839 - 1906) war der erste, der nicht direkt nach der Natur malte, sondern die Natur nach eigenen Gesetzmäßigkeiten in seinen Bildern neu aufbaute. Als er das machte, wusste er wahrscheinlich noch nicht, dass er heute als der wichtigste Wegbereiter der Kunst des 20. Jahrhundert anerkannt werden würde und das Werk vieler Künstler nach ihm maßgeblich beeinflussen wird, auch das eines Picasso.

Paul Cézanne gilt als »Vater der Moderne«. Auch in seinem Gemälde »Stilleben mit Äpfeln und Orangen« aus dem Jahre 1895 verfolgt er konsequent seinen eigenen Stil: Ihn interessieren keine Früchte, Tücher, Gegenstände, sondern die dahinter stehende geometrische Ordnung.


Emotional oder Rational?

Es gibt »kopfgesteuerte« und »gefühlsgesteuerte« Künstler. Die Vertreter der erstgenannten, rational dominierten Richtung schalteten erst ihren Verstand ein und malten dann. Sie wandten sich auch offiziell gegen eine Malerei, die Gefühle zum Ausdruck bringen wollte und beschäftigten sich lieber mit Bildkomposition, Maltechnik etc. Beispiele dieser rationalen Kunst sind der Impressionismus und der Kubismus.

Dieser gegenüber standen zu allen Zeiten emotional dominierte Stilrichtungen. Deren Vertreter waren der Auffassung, in der Malerei müssten Gefühle zum Ausdruck gebracht und der Verstande zurückgehalten werden. Sie schalteten also beim Malen den Verstand aus und ließen den Pinsel vom Gefühl leiten – und sie hatten in der Regel nichts für kopfgesteuerte Maler übrig. Beispiele dieser Richtung: Romantik und – der Name sagt es ja schon aus – der Expressionismus.


Entstehung von Stilrichtungen

Die großen Künstler setzten sich intensiv mit ihrer Umwelt auseinander oder die Umwelt wirkte zumindest besonders intensiv auf sie. Der Wirkung besonders einschneidender Ereignisse, wie z.B. die Französische Revolution, konnte sich kein Künstler entziehen. Neue Stilrichtungen entstanden, weil die selben Einflüsse und Eindrücke auf unterschiedliche Künstler wirkten. Jeder verarbeitete diese zwar auf seine eigene Weise aber doch ähnlich zu den anderen. Manchmal gründeten sie auch Künstlervereinigungen (z.B. Die Brücke), manchmal waren sie einfach nur eng befreundet und befruchteten ihr Werk immer wieder gegenseitig (z.B. Picasso und Braque).

Umgekehrt gab es aber nicht nur eine Weiterentwicklung der Stile durch nachfolgende Künstlergenerationen, sondern es enstanden auch Stile aus einer »Gegenreaktion« heraus – von Künstlern, die ganz und gar nichts mit dieser Arbeitsweise anfangen konnten. In der Regel wendeten sich emotional arbeitende Künstler gegen rationale Stilrichtungen und rational arbeitende gegen emotionale.

Beispielsweise entstand der Realismus Mitte des 19. Jahrhunderts nicht zuletzt auch, weil die Maler die gefühlsgeladenen Motive der Romantiker und die idealisierten Szenen der Klassizisten nicht mehr sehen konnten und sich vornahmen, Motive aus der bürgerlichen Realität, z.B. Steinklopfer oder Ährenleserinnen, zum Thema zu machen.