»Man muss das Geheimnis des Schönen
im Wahren finden.«
— Jean-August-Dominique Ingres
Der Klassizismus in der Malerei war vor allen Dingen in Frankreich stark vertreten. Größere Kraft hatte dieser Stil in der Architektur. Ist ja auch irgendwie klar: Ein Gebäude ist deutlich mehr präsent als ein Gemälde. Auch »unser« Goethe zählt übrigens zu den Klassizisten. Nachfolgend stelle ich aber nur zwei bedeutendsten klassizistischen Maler vor: David und Ingres – beide natürlich aus Frankreich ...

Jacques-Louis David wurde am 30.8.1748 in Paris geboren. Er war wie die meisten großen Maler kein geborenes Genie, sondern hat sich seine Lorbeeren erarbeitet. Mit dem Zeichnen begann David in öffentlichen Akademien und weil er sich so gut dabei schlug, durfte er schon bald in einem Pariser Atelier arbeiten. Er bewarb sich für Preise, war aber anfangs nicht gerade erfolgreich, so dass er aus Verzweiflung sogar den Tod durch Verhungern erleiden wollte. Dies wurde zum Glück verhindert.
Damals waren fast alle Künstler geprägt von der Aufklärung. Viele ließen sich darüber hinaus von der Faszination über die Antike anstecken und wanderten Richtung Süden, um die alten Meister direkt vor Ort zu studieren. Auch David ging nach Rom. Dort änderten sich dann seine Bildthemen. Er widmete sich ab diesem Zeitpunkt mit Vorliebe den antiken Themen. Auch er wollte also »die Natur von den beschämenden und entwürdigenden Unzulänglichkeiten« befreien – bzw. die Kunst vom Rokoko ...
Irgendwann heiratete er eine reiche Frau und ging zurück nach Paris, wo er sich dank ihres Vermögens ein eigenes Atelier leisten und seinen eigenen Stil weiterentwickeln konnte. Seinen internationalen Durchbruch feierte er dann 1784 mit dem Gemälde »Der Schwur der Horatier«. Denn dieses war nicht nur schön gemalt, sondern bildete die inzwischen weit verbreitete Grundeinstellung zum Leben und die vorrevolutionäre Stimmung erstmals formvollendet ab.

Das Besondere an David war nicht nur sein Malstil. An dem gab es aber auch gar nichts auszusetzen: perfekt modellierte Körper, harmonische Bildkompositionen, zurückhaltender Einsatz von Farbe und Formen. Eben mustergültig klassizistisch. Das, was das Werk aus heutiger Sicht aber auch wertvoll macht ist, dass er Maler und zugleich Politiker war. Er wurde Abgeordneter und gestaltete die Politik mit. Als Maler brachte er die Ideen und Vorstellungen der damaligen Anführer in seinen Gemälden auf den Punkt.

Und das ist wahrlich was Besonderes, denn bis dahin waren Maler nur Handwerker, die einen Auftrag ausführen, der meistens lautete: »Male die Natur nach!« oder »Die Kirche könnte ein neues Deckengemälde gebrauchen. Mach mal!« Tja, damals gab es eben noch keine Digitalkameras. Also musste gemalt werden. David befreite sich aber nun von der reinen Abbildung der realen Wirklichkeit und bildetet eine andere, selbst definierte Wirklichkeit ab. Er transportierte über seine Gemälde seine politische Einstellung bzw. die seiner Auftraggeber. Und das war zu damaligen Zeit eben etwas Neues.
Seine politischen Ambitionen verblassten aber bald. Nach einem Gefängnisaufenthalt, den er seiner Zugehörigkeit zu den Jakobinern zu verdanken hatte, engagierte ihn Napoleon als offiziellen Hofmaler. Klar, wer könnte nicht den Siegeszug durch Europa besser festhalten, als der (damals) größte Maler Europas?

Und so schuf David jede Menge Gemälde von Napoleons Aktionen und heroisierte damit dessen Taten. Im oben abgebildeten Gemälde »Napoleon Bonaparte überschreitet den großen St. Bernard« erscheint der Feldherr als kraftvoller Führer, der quasi über die Alpen fliegt. Die Realität sah aber anders aus: Er schleppte sich bei Wind und Wetter auf einem Maultier über den Berg ... Auch Napoleon nannte dieses Werk Davids unverblümt ein »Propaganda-Werk«.
Als es dann mit Napoleon vorbei war, lief nicht mehr viel und er durfte ins Exil. David starb 1825.

Mit dem Transport politischem Gedankenguts und der Glorifizierung der Herrscher in Gemälden wollte Jean-Auguste Dominique Ingres – im Gegensatz zu David – eigentlich weniger zu tun haben. Aber da er nunmal der beste Zeichner war, musste er sich zwangsläufig auch mit Auftragsarbeiten der politischen Führer abgeben. Einem Napoleon schlägt man Nichts ab. Wie man ganz Allgemein sagen muss, dass ein Maler damals nur überleben konnte, wenn er sich hin und wieder mal bei den Reichen und Mächtigen »einschleimte«.
Wertvoll und von bleibender Bedeutung waren aber nicht die Themen seiner Gemälde, sondern die Malweise. Gegen seine elegante Linienführung, die fein vorgezeichneten und zurückhaltend kolorierten Gemälde wirkten die von David geradezu brachial. Ingres gilt als Begründer und Erhalter des damaligen akademischen Stils in Frankreich. Sein Markenzeichen waren die linienorientierte Malweise, die brilliante Formgebung und eine fast nicht vorhandene Farbigkeit. Man munkelte sogar, dass er Farbe hasste. Es ging ihm alleine um die hinter dem Gemälde stehende Zeichnung. Alles andere war zweitrangig.

Ingres wurde 1780 in Montauban geboren. Er nahm den Zeichenstift früh zur Hand und erarbeitete sich allseits bewunderte Fähigkeiten. 1797 wurde er dank positiver Fürsprache in das Atelier Davids aufgenommen. Er zeigte sich angetan von Davids Malweise und schuf ebenso wie dieser Gemälde mit antiken Themen. Aufgrund seines herausragenden Stils war es dann auch kein Zufall, dass er 1801 einen bedeutenden Kunstpreis erhielt, der es ihm ermöglichte, in Italien auf Staatskosten zu studieren. Der reißerische Titel seine preisgekrönten Werks: »Achill empfängt die Abgesandten Agamemnons«. Wie bereits angedeutet wurde aber auch Napoleon auf ihn aufmerksam und ließ sich mehrfach von ihm abbilden.
Genau wie David verschwand auch Ingres von der Bildfläche, als die potenten Auftraggeber, allen voran Napoleon, um 1815 niedergemetzelt worden waren – im Gegensatz zu seinem großer Lehrer David aber nicht auf Nimmerwiedersehen. Er nutzte seine ca. 10-jährige Auszeit um in Florenz die großen Meister zu studieren. Besonders angetan hatte es ihm Raffael und daher er kopierte dessen Werke gerne und oft. In dieser mageren Zeit musste er sich seine Brötchen mit Bleistift-Zeichnungen von Touristen verdienen. Er empfand dies zwar als demütigend, diese Zeichnungen gelten aber heute als Meisterwerke.
Irgendwann traten dann in Frankreich die Romantiker umd Delacroix auf den Plan und präsentierten Gemälde, welche die Leute schockierten und von den meisten Kunstkritikern als abstoßend empfunden wurden. (Diesen Herrschaften von der Akademie konnte man es also wirklich nie Recht machen ...) So kam es, dass man auf einmal wieder Gefallen an Ingres und seinem Stil fand und ihn ca. 1826 wieder bei sich aufnahm.

Ingres wusste zunächst gar nicht, wie ihm geschah. Er wurde richtig verehrt, als Bewahrer wertvoller Traditionen aufs Podest gehoben, mit wichtigen Posten versehen und großen Aufträgen überhäuft. Und jeder wollte von ihm portraitiert werden, weil er das so herausragend gut konnte. Schließlich musste er sogar Aufträge aus Zeitmangel ablehnen.
Von allen bewundert und zu höchsten Ehren befördert konnte er großen Einfluss auf den akademischen Stil in Frankreich nehmen. Tja, für ihn war das gut, für andere weniger. Er war sozusagen indirekt dafür verantwortlich, dass jeder, der später was Neues machen wollte, anfangs verspottet und niedergemacht wurde, z.B. auch die Impressionisten ...
Wie ging es mit ihm weiter? Seine lukrativen Großaufträge und Historienschinken waren teils unterdurchschnittlich. Und ihm gingen langsam die Ideen aus. Die Figuren waren sowieso immer dieselben, denn wenn er einmal eine ideale Form und Haltung gefunden hatte, kopierte er sie einfach in anderen Gemälden. Und so kam es, dass er sich im fortgeschrittenen Alter wieder nach Italien zurückzog und sich fast nur noch mit der Portrait- und Aktmalerei beschäftigte. Das konnte er halt am besten. Gegen Ende seines langen Lebens blühte er förmlich auf und schuf 1863 im hohen Alter noch einmal ein richtiges Meisterwerk: »Das türkische Bad«. Ingres starb 1867.
